Vibe Coding: Die nächste Generation der Schatten-IT?

Eine Idee, ein paar Prompts und schon steht die erste Anwendung.

Was früher Programmierkenntnisse oder ein Entwicklungsprojekt erforderte, wird mit generativer KI plötzlich für viele Mitarbeitende möglich. Vibe Coding eröffnet damit neue Chancen für die Digitalisierung, bringt aber auch neue Herausforderungen mit sich.
 
«Eigentlich bräuchten wir dafür eine kleine Lösung.» Früher entstand aus solchen Wünschen häufig eine Excel-Liste oder eine Access-Datenbank. Heute kann daraus mit wenigen Anweisungen an die KI eine Web-App mit Benutzeroberfläche, Datenbank und Login werden. Was als spontanes Experiment beginnt, kann schnell zu einer Anwendung werden, die im Arbeitsalltag unverzichtbar ist.
 
Genau hier wird es für Unternehmen und ihre IT spannend:
Wie lässt sich diese neue Freiheit nutzen, ohne die Kontrolle über Sicherheit, Daten und Betrieb zu verlieren?

 

KI verändert die Softwareentwicklung

Generative KI verändert die Softwareentwicklung grundlegend. Wer eine Anwendung erstellt, beschreibt nicht mehr zwingend, wie sie technisch gebaut werden soll. Entscheidend ist, was die Anwendung können muss. Die KI übernimmt immer mehr von der technischen Umsetzung. Sie erstellt Oberflächen, Datenmodelle und Code. Sie integriert APIs, analysiert Fehlermeldungen und passt die Anwendung Schritt für Schritt an. Damit wird KI-gestützte Softwareentwicklung einfacher zugänglich.

Eine Anwendung kann auf einer Unternehmensplattform wie der Microsoft Power Platform entstehen. Sie kann aber auch als eigene Web-Applikation gebaut werden. Mit eigener Datenbank, eigenen Schnittstellen und eigenem Hosting. Oder ein KI-Coding-Agent erstellt direkt ein vollständiges Softwareprojekt. Vibe Coding ergänzt Low Code, No Code und Citizen Development um eine neue Ebene. Aus einer beschriebenen Idee kann direkt eine erste Anwendung entstehen.

Die neue Schatten-IT sieht ziemlich professionell aus

Früher war eine Schatten-IT relativ einfach zu erkennen: Eine wichtige Excel-Datei lag auf einem Netzlaufwerk. Eine Access-Datenbank wurde von einer einzelnen Person gepflegt. Ein Makro führte einen geschäftskritischen Prozess aus. Die neue Generation sieht anders aus.

Eine KI-generierte Anwendung kann modern aussehen. Sie kann eine eigene Datenbank haben, Benutzer anmelden und über eine professionell wirkende Internetadresse erreichbar sein. Für Nutzerinnen und Nutzer ist der Unterschied zu einer professionell entwickelten Geschäftsanwendung kaum sichtbar.

Doch eine moderne Oberfläche und ein Login beantworten noch keine der wirklich wichtigen Fragen.

  • Wo liegen die Daten?
  • Wer betreibt die Anwendung?
  • Wer hat Zugriff auf die Datenbank?
  • Welche externen Dienste und APIs werden verwendet?
  • Wo werden Zugangsschlüssel und Secrets gespeichert?
  • Wer aktualisiert verwendete Softwarebibliotheken?
  • Gibt es Backups?
  • Wer ist verantwortlich, wenn die Anwendung nicht mehr funktioniert?

Und vielleicht am wichtigsten: Weiss die IT überhaupt, dass diese Anwendung existiert?

Darstellung der Schatten-IT als Scheinwerfer

Das Problem ist nicht Vibe Coding

KI-gestützte Entwicklung zu verhindern oder stark einzuschränken, wäre zu kurz gedacht. Die Möglichkeiten sind beeindruckend: Mitarbeitende kennen ihre Prozesse und sehen, wo Abläufe umständlich sind, Arbeit manuell erledigt wird oder Werkzeuge fehlen. Bisher scheiterten solche Digitalisierungsideen oft an hohen Entwicklungskosten oder anderen IT-Prioritäten.

Mit Vibe Coding kann in kurzer Zeit ein erster funktionsfähiger Prototyp entstehen. Schnelles Prototyping macht Digitalisierung greifbar. Eine Idee wird ausprobiert, bevor daraus ein grosses Projekt wird. So werden aus guten Ideen schneller nutzbare Lösungen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie verhindern wir, dass Mitarbeitende Anwendungen bauen? Sondern: Wie sorgen wir dafür, dass aus guten Ideen auch nachhaltig nutzbare Lösungen entstehen?

Die Plattform-Governance reicht nicht mehr aus

Bei klassischen Low-Code-Plattformen konnte die IT klar regeln, welche Umgebungen und Konnektoren erlaubt sind, welche Daten verwendet werden dürfen und wer Anwendungen veröffentlichen darf. Diese Fragen bleiben wichtig. Vibe Coding erweitert sie jedoch, weil Anwendungen auch ausserhalb kontrollierter Unternehmensplattformen entstehen können.

Unternehmen müssen beispielsweise wissen:

  • Wo Anwendungen betrieben und Daten gespeichert werden dürfen.
  • Welche Cloud-, KI-Dienste und Schnittstellen verwendet werden.
  • Wie Zugriff, Authentifizierung und Zugangsschlüssel geregelt sind.
  • Wie Sourcecode, Abhängigkeiten und Sicherheitsupdates gepflegt werden.
  • Welche Anwendungen inventarisiert werden und wann ein Experiment geschäftskritisch wird.

Aus Plattform-Governance wird immer mehr Software-Governance. Sie schafft einen gemeinsamen Rahmen für Digitalisierung, Prozessautomatisierung, Datenschutz und Sicherheit, Compliance und Qualitätssicherung.

Prototyp oder Geschäftsanwendung?

Ein wesentlicher Punkt wird dabei die Klassifizierung sein. Nicht jede mit KI erstellte Anwendung benötigt einen professionellen Software-Lifecycle. Wenn jemand innerhalb eines Nachmittags ein kleines Werkzeug erstellt, um einmalig Daten zu analysieren, braucht es dafür kein umfangreiches Betriebsmodell.

Anders sieht es aus, wenn eine Anwendung regelmässig genutzt wird, sensible Daten verarbeitet oder für einen Geschäftsprozess wichtig ist. Wenn ein Ausfall die Arbeit spürbar beeinträchtigt, braucht es klare Verantwortlichkeiten, ein Betriebsmodell und Qualitätssicherung.

Die IT wird nicht weniger wichtig, sondern anders

Vibe Coding macht IT-Abteilungen nicht überflüssig, verändert aber ihre Rolle. Statt jede Anwendung selbst zu entwickeln, schafft die IT einen sicheren Rahmen: mit freigegebenen Werkzeugen und Plattformen, Vorgaben für Daten und Schnittstellen, Identity- und Access-Management, Security-Anforderungen und Regeln für den KI-Einsatz. Ebenso braucht es einen Weg, erfolgreiche Prototypen professionell zu betreiben.

Die zentrale Aufgabe der IT verschiebt sich damit von der Entwicklung einzelner Anwendungen hin zur Schaffung der Voraussetzungen, damit gute digitale Lösungen sicher entstehen können.

Software ist erst der Anfang

Parallel dazu entsteht bereits die nächste Entwicklung. Mitarbeitende bauen nicht nur Anwendungen. Sie erstellen KI-Agenten, verbinden diese mit Unternehmensinformationen und geben ihnen Werkzeuge, mit denen sie Aktionen ausführen können. Damit verschwimmen auch die Grenzen zwischen Anwendung, Workflow und Agent. Künftig kann eine Lösung vieles gleichzeitig tun: eine Oberfläche bereitstellen, Geschäftsdaten verarbeiten, Entscheidungen mit KI unterstützen und Aktionen in Drittsystemen ausführen.

Die Governance-Frage lautet deshalb immer weniger: «Wer darf Apps erstellen?» Sondern vielmehr: «Wie steuern wir eine Organisation, in der grundsätzlich jeder digitale Lösungen erstellen kann?»

Vorgang des Vibe Codings mit IT Fragen

Unser Fazit

Vibe Coding könnte die Entwicklung von Geschäftsanwendungen stärker verändern als Low-Code zuvor. Nicht zwingend durch bessere Software, sondern weil die Hürde, überhaupt Software zu erstellen, massiv sinkt. Unternehmen können Ideen schneller testen, Prozesse einfacher digitalisieren und Fachwissen direkt in Lösungen übersetzen. Gemeinsam gesetzte Leitplanken von Fachbereichen und IT schaffen dabei Raum für Innovation.

Gleichzeitig sollten Unternehmen nicht denselben Fehler wiederholen, den viele bereits mit Excel und Access gemacht haben. Erst Lösungen unkontrolliert wachsen lassen und Jahre später herausfinden müssen, welche davon geschäftskritisch geworden sind. Die Antwort darauf kann nicht sein, Vibe Coding zu verhindern. Die Antwort muss sein, einen Rahmen dafür zu schaffen.

Denn die nächste Schatten-IT beginnt nicht mehr mit einer Excel-Datei. Sondern mit einem Prompt.

 


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